dgb-logo
gemeinsam-ziele-erreichen
Übrigens Single

Nicht alles hat mit jedem zu tun

„Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr!“ So oder so ähnlich werden wir alle schon manchmal gedacht haben, oft auch Leser unserer Artikel. Doch auch wir Autoren erleben dieses Gefühl zunehmend beim Lesen der zum Teil sehr undifferenzierten Kommentare auf Facebook. Dies hier ist ein Plädoyer gegen Verallgemeinerungen, Hetze und vorschnelle Urteile. Es ist die Bitte, sich die Artikel tatsächlich durchzulesen, den Inhalt zu überdenken und nicht pauschal zu kommentieren.

Oft wird in den sozialen Netzwerken pauschal und vorschnell geurteilt, auch über Fälle, von denen wir berichten.
Oft wird in den sozialen Netzwerken pauschal und vorschnell geurteilt, auch über Fälle, von denen wir berichten.

Das Fazit, das ich aus den letzten Monaten ziehen kann, ist dieses: Die Menschen verlieren mehr und mehr die Fähigkeit zu differenzieren, also genau zwischen Sachverhalten zu unterscheiden. Vieles wird „über einen Kamm geschoren“. Warum diese wichtige Fähigkeit oft nicht vorhanden ist, kann ich nicht klären. Versuchen möchte ich aber, an der einen oder anderen Stelle Unterschiede aufzuzeigen.

Rentenanspruch unter falschen Namen

Ein aktuellerer Anlass für Missverständnisse war der Artikel zu einem Rentenanspruch, der unter falschem Namen erworben wurde. Die Klägerin war unter falschen Namen eingereist und hatte unter diesem gelebt und gearbeitet. Ein Sozialgericht hat ihr Altersrente zugesprochen. 

Die Begriffe Betrug und Rechtsbeugung waren zu lesen unter denen, die den Artikel mit Unverständnis kommentierten. Es liegt aber kein Betrug vor, da die Frau ja tatsächlich gearbeitet hat. Dies hat das Gericht geprüft. Sie erhält eine Rente, für die sie gearbeitet und eingezahlt hat. Die Tatsache, dass sie unter falschen Namen gearbeitet hat, steht auf einem anderen Blatt. Das ist nicht gutzuheißen, führt allerdings ganz richtigerweise nicht dazu, dass sie keine Rente bekommt.

Und - leider muss ich sagen: natürlich - waren auch wieder die dabei, die alles auf die Aufnahme von Flüchtlinge schieben. Aber: Nein, dieser Fall hat nun ganz und gar nichts mit irgendwelchen Menschen zu tun, die als Flüchtlinge in unser Land kommen. Die Frau lebt und arbeitete mehrere Jahrzehnte Jahre hier in Deutschland. 
Es ist zudem etwas völlig anderes, ob Menschen Sozialleistungen unter verschiedenen Identitäten erschleichen(diese Parallele wurde in Kommentaren gezogen) oder ob sie unter falschen Namen arbeiten. Die Einreise unter falschen Namen ist nicht in Ordnung, keine Frage. Aber wer arbeitet und von dem Lohn Beiträge zur Sozialversicherung zahlt, hat im Alter Anspruch auf Rente. Das ist eigentlich ganz einfach und logisch. Zumindest, wenn man die Tatsachen betrachtet und nicht irgendwelche Dinge mit ins Rennen wirft, die keinen Zusammenhang zur Sache haben. 

Zu guter Letzt mag in diesem Fall auch eine Rolle gespielt haben, dass die Klägerin aus der Türkei stammt. Doch auch ein verständlicher Unmut über die Dinge, die politisch zurzeit in diesem Land passieren, tut hier einfach nichts zur Sache. 

Keine Nachhilfe für Hartz IV-Empfänger

Das Düsseldorfer Sozialgericht hat entschieden, dass die Mutter einer Schülerin der neunten Jahrgangsstufe keinen Anspruch auf Übernahme der Kosten für Nachhilfestunden durch das Jobcenter hat.

Dass dieser Artikel die Gemüter erhitzt hat, ist klar. Dies auch völlig zu Recht. Worüber man sich dann aber doch sehr wundern muss, ist, wenn auch hier die Flüchtlinge in Kommentaren als Schuldige benannt werden. Wenn ein Gericht in unserem Land über einen Rechtsstreit zu entscheiden hat, so tut es das aufgrund des Sachverhaltes und einer rechtlichen Würdigung. Ganz sicher hat die Entscheidung des Sozialgerichts Düsseldorf nichts damit zu tun, ob das Geld anderweitig (wie etwa für Asylsuchende) gebraucht wird. Keine Frage, dass mehr Geld für Bildung ausgegeben werden könnte in diesem Land. Die Richter aber wenden die Gesetze an und entscheiden nicht darüber, wem Gelder aus dem Haushalt von Bund oder Land zugutekommen sollen. 

Die Entscheidung wird auch nichts damit zu tun haben, dass Kinder aus Hartz IV-Familien ohnedies keine Chancen auf gute Bildung haben und deshalb das Geld nicht zum Fenster rausgeschmissen werden soll. Auch das klang in den Kommentaren oft an. 
Ich persönlich habe meine Zweifel an der Ernsthaftigkeit mancher Solidaritätsbekundungen für die Arbeitslosengeld- und Sozialhilfeempfänger in den sozialen Netzwerken. Sind es nicht vielleicht in manchen Fällen dieselben, die früher die “Hartzer“ als Sozialschmarotzer diffamiert haben, die sich jetzt vermeintlich auf deren Seite stellen, um das Feindbild Flüchtlinge und allgemein Ausländer zu schüren? 

Mehr Unzufriedenheit - weniger Menschlichkeit 

Sofern Facebook repräsentativ für die Einstellungen der Bürger in diesem Land sein sollte, zeichnet sich einiges Unerfreuliche ab: Jeder denkt mehr und mehr immer nur an sich und nicht an die Gemeinschaft. Bei dem Blick auf sich selbst geht die Menschlichkeit leider immer mehr verloren. Die Gemeinschaft besteht meiner Weltanschauung nach im Übrigen nicht aus den Deutschen oder den Menschen, die in Deutschland oder Europa leben, sondern aus allen Menschen auf dieser Welt. Zudem gibt es immer mehr Unzufriedenheit.

Ob nun gerechtfertigt oder nicht, gelten dabei zwei ganz elementare Dinge:

Erstens geht es jedem, der ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank hat und dabei sicher leben kann, besser als einem Großteil der Weltbevölkerung. Dass die Welt so ungerecht ist, kann und sollte jeder getrost ablehnen. Man lebt aber sicher besser damit, wenn man das, was man hat, zu schätzen weiß. Was nicht geschehen sollte, ist, dass jedem, der Hilfe bekommt, Neid entgegenschlägt.

Damit sind wir bei Punkt zwei: Die Unzufriedenheit sollte nicht dazu führen, anderen die Schuld für das eigene - vermeintlich schlechte - Leben zu geben. Denn es gibt nichts daran zu rütteln, dass genau das von jeher der Teil des menschlichen „Tickens“ war, den Rechtspopulisten ausnutzen. Das sollte jedem klar sein, auch denen, die vehement eine rechte Gesinnung verneinen, es aber durch angebliche Fakten als gerechtfertigt ansehen, ein gemeinsames Feindbild zu haben.

Die beiden Artikel, die als Beispiele in Bezug genommen wurden, können Sie hier auf unserer Homepage und auf Facebook nachlesen

Rente auch unter falschem Namen 

Auf Facebook: https://www.facebook.com/dgbrechtsschutz/posts/1845051182418147 

Jobcenter lehnt Kostenübernahme für Nachhilfestunden ab

Auf Facebook: www.facebook.com/dgbrechtsschutz/posts/1846032165653382

Silke Clasvorbeck, Online Redakteurin und Rechtsschutzsekretärin, Bielefeld
Autor*in:
Silke Clasvorbeck
Rechtsschutzsekretärin und Online-Redakteurin
Bielefeld