dgb-logo
gemeinsam-ziele-erreichen

Zum 9. November: Rassismus ist keine Meinung

Derzeit wird viel über Meinungsfreiheit diskutiert. Vor allem rechte Populisten beklagen den „links-grünen“ Mainstream. Man dürfe heute ja keine andere Auffassung mehr vertreten, führen sie häufig ins Feld. Sie verkennen dabei, dass Meinungsfreiheit auch das Recht bedeutet, Ansichten zu kritisieren. Und sie verkennen, dass niemand das Recht hat, Unwahrheiten zu verbreiten und die Würde anderer Menschen zu verletzen.

Die Synthese unterschiedlicher kultureller Besonderheiten bringt die Gesellschaft voran. Copyright by Adobe Stock/Franz Pfluegl
Die Synthese unterschiedlicher kultureller Besonderheiten bringt die Gesellschaft voran. Copyright by Adobe Stock/Franz Pfluegl

Gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes (GG) hat jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Das Recht ist aber nicht schrankenlos. Es ist vielmehr begrenzt durch Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Niemand hat demnach das Recht, andere Menschen herabzuwürdigen oder zu beleidigen.
 

Wer austeilt, muss auch einstecken können

Das Recht, seine Meinung zu äußern und zu verbreiten, berechtigt auch nicht dazu, angebliche Tatsachen zu verbreiten, die nachweislich nicht stimmen. Wer den Holocaust leugnet, äußert keine Meinung, sondern begeht eine Straftat.
 
Anders zu beurteilen sind aber die Fälle, in denen Menschen Tatsachen behaupten, die wissenschaftlich längst widerlegt sind, deren Äußerung aber eher harmlos ist. So gibt es immer noch Menschen, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Das ist zwar auch keine Meinungsäußerung. Es wird aber auch niemand verletzt.
 
Also, liebe Rechtspopulisten: kein Mensch hindert Euch daran, zu vertreten, dass die Erde eine Scheibe ist und Ihr werdet dafür auch nicht bestraft. Ihr müsst Euch aber gefallen lassen, dass wir „Links-grün-versifften“ dazu auch unsere Meinungen haben, die von eurer erheblich abweichen und die wir Euch auch vehement entgegenhalten. Schließlich gilt das Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten, auch für uns. Wer austeilt, muss auch einstecken können.
 

Rassisten geht es nicht um eine Meinung, sondern um Herrschaft

Beim Rassismus verhält es sich aber grundlegend anders. Rassisten geht es letztlich nicht nur darum, eine Auffassung zu äußern. Rassisten geht es um Ausgrenzung. Es geht darum, die eigene „Rasse“ als überlegen darzustellen und darum, andere als andersartig und sogar minderwertig darzustellen, um daraus einen Herrschaftsanspruch abzuleiten. Dabei war „Rasse“ in Bezug auf Menschen stets ein politisches Konzept. Es hat niemals einen wissenschaftlichen Nachweis gegeben, dass es unterschiedliche Menschenrassen gibt. „Moderne“ Rassisten verwenden auch lieber den Begriff der „Ethnie“. Im Ergebnis geht es aber auch hier nur um Ausgrenzung und Herrschaft.
 
In unserem Artikel „Stichtag: 9. November  - Ein deutscher Schicksalstag?“
hatten wir die Geschichte des Rassismus ausführlicher dargestellt. Im Folgenden geben wir die wesentlichen Gesichtspunkte noch einmal wieder.
 

Die „Rasse“ wurde erst in der Neuzeit erfunden

Die Einteilung der Menschen in „Rassen“ gibt es erst seit Beginn der Neuzeit. Weder für die Antike noch für das Mittelalter ist eine entsprechende Theorie belegt. Sklaven waren in der Antike etwa nicht deshalb minderwertig, weil sie einer anderen „Rasse“ oder „Ethnie“ angehörten, sondern weil sie schlicht das Pech hatten, dass man sie besiegt hatte.
 
Literarisch tauchte der Begriff „Rasse“ in Bezug auf Menschen erst im 15. Jahrhundert auf. Der spanische Priester Alfonso Martínez de Toledo hat ihn gebraucht, um darzustellen, dass ein Bauer immer ein Bauer bleibt, auch wenn er von einem Adeligen erzogen wird. Die Einteilung von Menschen in Rassen diente also ursprünglich dazu, soziale Unterschiede zu begründen. Die „Rasse der Fürsten“ war nach dieser Definition höherwertiger als die „Rasse der Bauern“.
 

Die Einteilung in menschliche Rassen diente der Legitimation des europäischen Herrschaftsanspruchs

Relevant als wurde der Rassismus in der Zeit der großen Kolonialreiche. Die christlich geprägten europäischen Mächte benötigten eine als Wissenschaft verkleidete Legitimation der Kolonialisierung Afrikas und Südamerikas sowie für die Versklavung von Millionen von Afrikanern. Zur Erklärung der Überlegenheit der Europäer übernahmen Geisteswissenschaftler das Rassenkonzept aus den Naturwissenschaften. Der „weißen Rasse“ wurden gegenüber anderen „Rassen“ geistige und moralische Überlegenheit zugeschrieben, die ihre Herrschaft rechtfertigen sollte.
 
Im 19. Jahrhundert erreichte der theoretische Rassismus einen ersten Höhepunkt, insbesondere ausgehend von einem Werk des deutsch-britischen Publizisten Houston Stewart Chamberlain. Für Chamberlain war die Menschheitsgeschichte eine Geschichte der „rassischen Gegensätze“. Auch der sogenannte „Sozialdarwinismus“ spielte im sozialwissenschaftlichen Diskurs eine große Rolle. Aus der Evolutionstheorie folgerten Sozialwissenschaftler wie etwa Ernst Haeckel, dass es bei der gesellschaftlichen Entwicklung ähnliche Prozesse gebe wie bei der Entstehung der Arten. Gesellschaftlicher Fortschritt sei durch den „Überlebenskampf“ von Nationen und Rassen bedingt.
 

Die Sprache sollte belegen, dass es Rassen gibt

Sprachwissenschaftler hatten ebenfalls im 19. Jahrhundert herausgefunden, dass indoiranischen Sprachen, insbesondere die altindische Sprache Sanskrit und die meisten europäischen Sprachen dieselben Wurzeln haben müssen. Diese Sprachen bezeichneten die Wissenschaftler früher als „arische Sprachen“. Die Vertreter des Rassismus folgerten daraus, es habe eine „arische Urrasse“ gegeben, aus der u.a. die Europäer hervorgegangen seien. Für Chamberlain war das „deutsche Volk“ die „reinste Ausprägung der arischen Rasse“. Überhaupt wurden von den Vertretern rassistischer Theorien Begriffe wie „Volk“, „Rasse“ und „Nation“ vermischt und synonym gebraucht. Die Nation war nicht mehr wie in der französischen Revolution ein Verband, der aktiv von den Menschen gebildet wird, die dazu gehören wollen. Sie wurde vielmehr als „Abstammungsgemeinschaft“ betrachtet.
 
Im Nationalsozialismus wurden diese seltsamen und zum Teil wirren Theorien radikalisiert und zur Staatsräson. Das „deutsche Volk“ als „reinste Ausprägung der arischen Herrenrasse“ habe die geschichtliche Aufgabe, über unterlegene Völker zu herrschen und diese zu versklaven. Besonders niederwertige „Rassen“, zu denen auch die Juden gehörten, seien im Interesse des „Überlebenskampfes des deutschen Volkes“ sogar zu vernichten.
 

Der genetische Code des Menschen bestimmt keine Rassen

Rassisten mögen einwenden, der Nationalsozialismus sei zwar reichlich über das Ziel hinausgeschossen. Der rassistische Ansatz sei aber im Grunde zutreffend. Dem ist aber mit aller Macht entgegen zu treten. Jede Ausprägung des Rassismus, auch in seiner „gemäßigten“ Form als Theorie unterschiedlicher Ethnien, die sich nicht vermischen dürften, führt zu Ausgrenzung und Unterdrückung und beschreitet einen Weg, der Ausschwitz möglich macht. Alle rassistischen Theorien sind indessen nicht nur wissenschaftlich äußerst fragwürdig. Die Übertragung der Evolutionstheorie auf gesellschaftliche Prozesse und die geschichtliche Entwicklung ist sogar blanker Unsinn.
 
Theorien sind nur dann ernst zu nehmen, wenn sie in der Wirklichkeit überprüft werden können. Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper hat insoweit eine einleuchtende Methode vorgeschlagen. Nach seiner Auffassung können wissenschaftliche Theorien durchaus frei erfunden werden. Sie müssen nur in sich widerspruchsfrei sein und Aussagen treffen, die in der Praxis überprüft und prinzipiell widerlegt werden können.
 
Eine grundlegende Aussage aller Rassismustheorien ist, dass es menschliche Rassen gibt. Insoweit lohnt es sich also, sich mit den Forschungsergebnissen in der Biologie auseinander zu setzen.
 
Die vererbbaren Informationen in der Zelle eines Lebewesens, die Chromosomen und die Desoxyribonukleinsäure (DNS oder DNA), werden als „Genom“ oder „die Gene“ bezeichnet. Das menschliche Genom wurde 2007 vollständig entschlüsselt. Ein wichtiges Ergebnis war, dass der genetische Code des Menschen keine Rassen bestimmt. An der Entschlüsselung war der  amerikanische Biochemiker John Craig Venter maßgeblich beteiligt. Bei der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse gab er bekannt, dass es mehr Unterschiede zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe gebe. Auch gebe und es mehr Unterschiede zwischen den sogenannten „Kaukasiern“ als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.
 

Sind Ethnien voneinander räumlich zu trennen?

Es gilt seitdem in der Biologie als obsolet, dass es menschliche Rassen gibt. Damit ist bereits in grundlegendste Aussage aller Rassismustheorien widerlegt.
 
Der Begriff „Rasse“ wird insbesondere von der „neuen Rechten“ deshalb zunehmend vom Begriff der „Ethnie“ ersetzt. Die Unterschiede werden nicht mehr in den Genen gesucht. Eine Ethnie soll vielmehr eine abgrenzbare soziale Einheit sein, die aufgrund ihrer Sprache und ihrer kulturellen Gepflogenheiten eine bestimmte Volksgruppe bildet.
 
Die Vertreter des „modernen Rassismus“ behaupten, die so gebildeten ethnischen Gruppen dürften sich nicht vermischen. Vielmehr seien sie räumlich voneinander zu trennen, damit sie nicht ihre kulturelle Eigenart verlören. Diese vielleicht bei erster Betrachtung plausibel erscheinende Auffassung verkennt aber völlig die Dynamik, mit der sich auch Kultur entwickelt. Sie ist beileibe nichts Statisches. Die westdeutsche Alltagskultur der 50er und der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war jeweils schon sehr unterschiedlich. Die in der DDR gelebte Kultur war eine völlig andere als die in der Bundesrepublik bis 1990 gelebte Kultur. Auch wird Kultur stets „von außen“ mit beeinflusst, etwa über die Musik, über Spielfilme und Serien sowie über Literatur.
 

Kultur verändert sich

Besonders seit dem 20. Jahrhundert verändert sich unsere Alltagskultur zunehmend rasant.  Zum Beispiel galt bis 1977 in Deutschland noch das Leitbild der „Hausfrauenehe“. Ehefrauen durften nur mit Erlaubnis Ihrer Männer berufstätig sein und auch nur, wenn sie Ihre „Pflichten als Hausfrau und Mutter“ nicht vernachlässigten. Ein Leitbild, dem insbesondere auch rechte Politiker nachtrauern. Für die überwiegende Mehrheit in unserem Land ist es heute aber wohl nicht mehr wesentlicher Bestandteil unserer „Leitkultur“.
 
Veränderungen und Anpassungen gab es aber seit Menschengedenken. Das, was wir als deutsche Eigenarten verstehen, ist beeinflusst insbesondere von Migrationsbewegungen, die mit unterschiedlicher Intensität in Mitteleuropa immer schon stattgefunden haben, ob mit der sogenannten „Völkerwanderung“ oder dem massenhaften Einwanderungen nach Deutschland im Zuge der Industrialisierung, insbesondere aus Osteuropa.
 
Die Vorstellung, es gebe ein deutsches Volk, das in direkter Linie von Germanen abstammt ist ebenso unsinnig, wie der Glaube, Franzosen seien so etwas wie moderne Gallier. Deutsche wie Franzosen sind Angehörige sozialer Gruppen, die sich mit der Schaffung von Flächenstaaten politisch gebildet haben.
 

Auch die Annahme, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie bestimme Fähigkeiten und Eigenschaften, ist Rassismus

Auch die Einteilung von Menschen nach Ethnien, die sich nicht vermischen dürften, ist nichts anderes als Rassismus. Es gibt vielmehr keinen erkennbaren Grund, Menschen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften aufgrund ihrer Herkunft zuzuweisen. Diese hängen weder von den Genen noch von der Zugehörigkeit zu einer Ethnie ab. Zur Zeit der Französischen Revolution wurde derjenige als Franzose betrachtet, der Franzose sein wollte und sich zu den Grundwerten der Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bekannte. Das ist ein weitaus menschlicher Ansatzpunkt als die pseudowissenschaftlich Einteilung von Menschen nach Ethnien oder Rassen.
 
Rassismus in jeder Form ist also keine Meinung. Er geht von völlig falschen Voraussetzungen aus. Migrationsbewegungen hat es in der Geschichte immer gegeben und sie haben sich letztlich nur durch Gewalt und Unterdrückung aufhalten lassen. Es gibt keinerlei Belege dafür, dass der Einfluss einer Kultur auf eine andere den Niedergang eine der Kulturen bedeutet hat. Im Gegenteil: die Synthese unterschiedlicher kultureller Besonderheiten hat häufig die Gesellschaft vorangebracht. Dafür ist auch die jüngere deutsche Geschichte ein gutes Beispiel. Noch vor siebzig Jahren waren für die deutsche Gesellschaft Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Menschenwürde gerade nicht wesentliche Teile ihres kulturellen Leitbildes. Dazu bedurfte es erst eines Einflusses von außen.
 

Kulturelle Vielfalt macht erfolgreich!

Wir hatten unseren Artikel zum 9. November 2018 mit einem Zitat von Carl Zuckmayer beschlossen. Das wollen wir auch jetzt machen:
 
Der Schriftsteller hat in seinem Drama „Des Teufels General“ Europa als Völkermühle bezeichnet. Die Geschichte spielt während des zweiten Weltkrieges. Ein Offizier, Leutnant Hartmann,  machte sich Sorgen darum, ob er im Zweifel nachweisen könnte, dass er Arier sei, da eine seiner Urgroßmütter aus dem Ausland stammte.  Als er das Problem seinem Kommandanten, General Harras, schilderte, entgegnete dieser:
 
„Sie kommen doch wie ich aus dem Rheinland……..Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor  - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ´ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet.  - Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant  - das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt  - und  - und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und  - ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt  - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein  - das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann  - und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.
 
Zur Vertiefung:
 
Unser Artikel: „Wofür Gewerkschaften stehen“
Unser Artikel „Stichtag: 9. November  - Ein deutscher Schicksalstag?“
Unser Artikel „Die Würde des Menschen  - 70 Jahre Grundgesetz 
Unser Artikel: „Heute vor 80 Jahren: Reichspogromnacht“
Unser Artikel: „Meinungsfreiheit im Arbeitsverhältnis“

Dietmar Christians, Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur, DGB Rechtsschutz GmbH,Hauptverwaltung - Frankfurt am Main
Autor*in:
Dietmar Christians
Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur
Hauptverwaltung - Frankfurt am Main