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2. Dezember: Welttag für die Abschaffung von Sklaverei

Sklaven sind keine freiwilligen Vertragspartner ihrer Peiniger, sondern Zwangsarbeiter, die zu zumeist menschenunwürdigen Arbeiten gezwungen werden. Vor 70 Jahren verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Seitdem ist jede Form von Sklaverei und Zwangsarbeit weltweit geächtet. Aber noch heute arbeiten mehr als 40 Millionen Menschen als Sklaven, viele davon in Deutschland.

Auch heute noch arbeiten Millionen von Menschen als Sklaven. Darunter viele Kinder. Copyright by Tinnakorn/Adobe Stock
Auch heute noch arbeiten Millionen von Menschen als Sklaven. Darunter viele Kinder. Copyright by Tinnakorn/Adobe Stock

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen (United Nations Organisation  - UNO oder UN) die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. In Artikel 4 der Erklärung heißt es: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden“. Im Jahr 1949 erklärte die Versammlung den zweiten Dezember  zum „Welttag für die Abschaffung von Sklaverei“.
 
In Deutschland ist Sklaverei auch durch das Grundgesetz (GG) verboten. Nach Artikel 12 GG haben alle Deutschen das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden. Sodann gilt in unserem Land auch die Europäischem Menschenrechtskonvention (EMRK). Auch sie verbietet Sklaverei. Konventionen und Grundgesetz lassen auch Ausnahmen zu: bei einer Freiheitsstrafe, die ein Gericht verhängt hat oder in Katastrophenfällen.
 

Mehr als 40 Millionen Sklaven gibt es weltweit

Soweit die Rechtslage. Wir können uns also bequem zurücklehnen. Uns betrifft Sklaverei nicht. Freilich sieht es in der Welt nicht so rosig aus. Wir wissen, dass in Asien, Afrika oder Lateinamerika Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten. Uns ist klar, dass in Ländern wie Indien, China, Pakistan, Bangladesch und Usbekistan schätzungsweise mehr als 40 Millionen Menschen nicht frei über ihr Leben und ihren Körper bestimmen können. Aber in Deutschland und Europa?
 
Es ist gar nicht so einfach, Sklaverei zu definieren. Historisch gehörten Sklaven zum Besitz des Sklavenhalters, der mit ihnen nach Gutdünken verfahren konnte. Der Patrizier im antiken Rom konnte sich Menschen als Sklaven kaufen, deren Arbeitskraft nach Gutdünken ausbeuten, sie umbringen oder wieder verkaufen. Ähnlich verhielt es sich im Amerika des 19. Jahrhunderts auch mit Millionen von Afroamerikanern, die rechtlich zum Eigentum von Plantagenbesitzern gehörten. Moderne Sklaverei lässt sich aber nicht allein danach beurteilen, ob Menschen anderen Menschen rechtlich gehören.
 

Sklaven gibt es auch in Deutschland

Die UNO definiert Sklaverei als die „Lage einer Person, an der einzelne oder alle der mit dem Eigentumsrecht verbundenen Befugnisse ausgeübt werden“. Mit anderen Worten: es kommt nicht darauf an, ob ein Mensch mein Eigentum ist. Entscheidend ist, dass ich ihn wie mein Eigentum behandele.
 
Die australische Organisation "Walk Free Foundation" hat für das Jahr 2016 einen Sklaverei-Index erstellt.  Sie definiert Sklaven als Menschen, die gegen Ihren Willen ausgebeutet werden und sich aus dieser Situation nicht selbst befreien können. Und zwar aufgrund von Drohungen, Gewalt, Zwang, Täuschung oder Machtmissbrauch. Unter dieser Prämisse leben nach dem Index 0,2% der Menschen in Deutschland in „moderner Sklaverei“! Damit belegt Deutschland im Weltmaßstab zwar eines der hinteren Ränge. Für einen modernen demokratischen Rechtsstaat ist das gleichwohl skandalös.
 

Wer sind die „modernen“ Sklaven, die in Deutschland leben?

Sklaverei gibt es nach der internationalen Menschenrechtsorganisation „International Justice Mission“ (IJM) in jedem Land, obwohl sie in fast allen Ländern verboten ist. Sie gibt es immer dort, wo Menschen verwundbar sind, etwa aufgrund ihrer Armut oder weil sie kein stabiles soziales Umfeld haben.
 
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat für die Situation in Deutschland 2017 ein „Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung“ erstellt. Menschen, die wie Sklaven behandelt werden, gibt es danach vor allem in der Baubranche, in der Gastronomie, bei Hausangestellten, in der Landwirtschaft und im Transportgewerbe. Auch Minderjährige sind unter den Opfern. Kinder und Jugendliche setzen Kriminelle etwa gerne zum Betteln ein.
 

Besonders düster: Kinder als Sexsklaven in Deutschland

Mit Abstand ist moderne Sklavenhaltung aber in der Sexindustrie am häufigsten verbreitet. Sexsklav*innen sind vor allem Frauen, aber auch Mädchen und Jungen. Am häufigsten betroffen sind junge Migrant*innen aus Bulgarien und Rumänien, denen Schlepper oder „Lover Boys“ zumeist ein gutes Leben in Deutschland versprechen und die hier dann mit Drohung und Gewalt zur Prostitution gezwungen werden. Aber auch junge Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit sind fast genauso stark betroffen. Fast die Hälfte ist jünger als 21 Jahre.
 
Ein sehr düsteres Kapitel ist die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger. Besonders perfide sind dabei die Fälle, in denen Eltern Ihre Kinder Erwachsenen als Objekte für die sexuelle Befriedigung zur Verfügung stellen.
 
Es gehen uns aber nicht nur die Schicksale der Sklav*innen in Deutschland etwas an. Sexuelle Ausbeutung findet zunehmend auch über Internetplattformen statt. Männer in Deutschland schauen sich sexuelle Handlungen live über Webcams an, die überall auf der Welt stehen können. Auch in diesem Bereich sind viele Opfer Kinder und Jugendliche.
 

Sind wir alle Sklavenhalter?

2016 erschien ein Buch der Wirtschaftsprofessorin Evi Hartmann von der Universität Erlangen-Nürnberg. Es trug den provokanten Titel „Wie viele Sklaven halten Sie?“. Sklavenhalter sei, wer Smartphones, Kleidung und Lebensmittel kaufe, so ihre These. Konsum ohne Mitgefühl ist ihr Thema. „Dazu müssen wir nur nach Bangladesch schauen. Dort nähen Frauen für uns T-Shirts  - bei extremer Hitze, viele Stunden am Tag, für nur 50 Cent. Und wenn sie zu lange Klopause machen, bekommen sie noch nicht einmal die 50 Cent. Dafür fällt mir kein besserer Begriff ein als Sklavenhaltung.“, sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Schrot und Korn“ in deren Ausgabe vom Juli 2016. Sie geht davon aus, das für jeden von uns aufgrund unseres Konsumverhaltens im Schnitt 60 Sklav*innen arbeiten.
 
Wir als Konsumenten tragen mit unserem Kaufverhalten stark dazu bei, dass reiche westliche Unternehmen Produkte von Sklaven herstellen lassen. Im Kapitalismus wird eben das produziert, was sich am Markt am besten verkaufen lässt, also vor allem „kostengünstig“ ist. Professorin Hartmann plädiert dafür, sich nicht darauf zu verlassen, dass Unternehmen und Regierungen etwas ändern. Nichts würde sich von heute auf morgen ändern. Das Bewusstsein für einen fairen Handel müssten wir entwickeln. „Wir müssen uns bewusst gegen unfaire Arbeitsbedingungen stellen. Auch wenn wir uns dann nicht mehr zehn neue T-Shirts im Jahr leisten können“.
 

Moderne Sklaverei ist auch eine Folge schlechter Arbeitsbedingungen bei uns

Es ist sicherlich nicht angemessen und beinahe zynisch, Vergleiche zwischen Arbeitsbedingungen bei uns und denen in Ländern wie Bangladesch zu ziehen. Unfaire Arbeitsbedingungen gibt es aber auch bei uns. Und auch Menschen, die verwundbar sind wegen ihrer Armut oder weil sie kein stabiles soziales Umfeld haben. Sie sind häufig gezwungen, unter prekären Bedingungen zu arbeiten, in denen sie gegen Ihren Willen ausgebeutet werden und aus denen sie sich nicht selbst befreien können. Die Grenze zur Sklaverei ist fließend.
 
Auf jeden Fall ist es aber für Menschen, die gezwungen sind, mit einem sehr niedrigen Einkommen auszukommen beinahe unmöglich, ausschließlich „fair“ einzukaufen. Günstige Ware heißt für viele nicht „Geiz ist geil“, sondern eine Möglichkeit, überhaupt einkaufen zu können.
 

Wie seit mehr als 120 Jahren: wir brauchen starke Gewerkschaften

Wenn Professorin Hartmann in vielem auch Recht hat, es reicht nicht aus, nur das Bewusstsein zu verändern. Das wird schließlich auch und vor allem durch das Sein bestimmt. Wir müssen gemeinsam für Bedingungen sorgen, die uns allen die Möglichkeit bietet, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben ohne dass wir dabei auf Produkte angewiesen sind, die nicht fair produziert oder gehandelt werden.
 
Konventionen und Gesetze gegen Sklaven- und Zwangsarbeit gibt es. Hier muss der Staat nur schärfer durchgreifen. Unsere Gesetze verhindern aber keine prekären Arbeitsverhältnisse. Es ist auch nicht anzunehmen, dass es solche Gesetze je geben wird oder dass sich Unternehmen mehr auf Fairness auch gegenüber den eigenen Beschäftigten besinnen. Unter kapitalistischen Bedingungen interessiert die Unternehmer nur, auf welchem Weg sich Kapital am besten verwerten lässt.
 
Für gute Arbeitsbedingungen sorgt nur das kollektive Handeln bei Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfen. Wie seit mehr als 120 Jahren brauchen wir deshalb starke Gewerkschaften und einen gewerkschaftlichen Rechtsschutz, der dazu beiträgt, die Rechte der Arbeitnehmer*innen auch durchzusetzen.
 
Quellen und zur Vertiefung:
Abschaffung von Sklaverei und Zwangsarbeit aus der Homepage der Europäischen Menschenrechtskonvention
Artikel „Knapp 46 Millionen Menschen leben in Sklaverei“ auf der Homepage der Zeitschrift „Die Stiftung“
Interview mit Prof. Dr. Evi Hartmann auf der Homepage der Zeitschrift „Schrot und Korn“
Sklaverei heute auf der Homepage der International Justice Mission“ (IJM)
Menschenhandel und Ausbeutung, Bundeslagebild 2017 des Bundeskriminalamtes

Dietmar Christians, Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur, DGB Rechtsschutz GmbH,Hauptverwaltung - Frankfurt am Main
Autor*in:
Dietmar Christians
Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur
Hauptverwaltung - Frankfurt am Main