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Vor 100 Jahren: Ein Generalstreik ringt den Kapp-Lüttwitz-Putsch nieder

Im März 1920 putschten Militärs und rechte Reaktionäre gegen die Regierung der Weimarer Republik. Ziel war eine Militärdiktatur und die Beseitigung der Demokratie. Gewerkschaften und linke Parteien riefen zum Generalstreik auf. Durch entschlossenes Handeln der organisierten Arbeitnehmer*innen brach der Putsch zusammen.

Im März 1920 putschten Militärs und rechte Reaktionäre gegen die Republik. Ein von den Gewerkschaften organisierter Generalstreik rettete vorerst Freiheit und Demokratie. Copyright by Ver.di-Archiv
Im März 1920 putschten Militärs und rechte Reaktionäre gegen die Republik. Ein von den Gewerkschaften organisierter Generalstreik rettete vorerst Freiheit und Demokratie. Copyright by Ver.di-Archiv

 Gegen Ende des ersten Weltkrieges endete die Herrschaft der Fürsten über das Deutsche Reich. Der mächtige General und Quasi- Militärherrscher General Erich Ludendorff erteilte dem Reichskanzler zwei Befehle:

  • die politische Ordnung ist nach dem Vorbild der westlichen Demokratien unter Berücksichtigung der Reichstagsmehrheit umzugestalten
  • die auf dieser Grundlage gebildete neue Regierung hat bei den Feinden um sofortigen Waffenstillstand nachzusuchen

Bis dahin hatten die mächtigen Militärs keinen Zweifel daran gelassen, dass ein Sieg im ersten Weltkrieg nur eine Frage der Zeit sei. Die Absicht war klar: Die kaiserlichen Generäle wollten sich gleichsam aus der Verantwortung stehlen. Sie waren sicherlich nicht über Nacht zu Demokraten mutiert. Die Suppe, die die Oberste Heeresleitung (OHL) den Deutschen und der Welt eingebrockt hatte, sollten vielmehr diejenigen auslöffeln, die die Generäle bislang verachtet hatten. Zugleich ging die OHL wohl davon aus, dass eine demokratisch gewählte Regierung bei Friedensverhandlungen einen besseren Stand hätte.

Erstmals werden Sozialdemokraten an der Regierung beteiligt

Die verbliebenen Kriegsgegner waren schließlich bürgerliche Demokratien. Der Reichskanzler, seit November 1917 Graf Georg von Hertling, trat daraufhin entsetzt zurück. Zum Nachfolger wurde ein gemäßigt liberaler Aristokrat, Prinz Max von Baden, bestimmt. Er war der erste Kanzler des deutschen Kaiserreichs, der bei der Ernennung der Regierungsmitglieder die Mehrheitsverhältnisse im Parlament berücksichtigte. Er berief deshalb auch zwei Sozialdemokraten, Philipp Scheidemann und Gustav Bauer, in die Regierung.

Kurz darauf meuterten in Kiel Matrosen der Deutschen Kriegsflotte. Im ganzen Reich breiteten sich Aufstände aus. In vielen großen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die die bis dahin herrschende Fürstenhäuser und militärischen Generalkommandos stürzten. Als die Proteste schließlich die Reichshauptstadt Berlin erreichten, wurde seitens der Reichsregierung unter dem neuen Reichskanzler Max von Baden Druck auf den Kaiser ausgeübt, den Thronverzicht zu erklären.

Der Kaiser desertiert

Der Kaiser floh schließlich nach einigem Zögern in die Niederlande. Die Ereignisse, die den Sturz der Fürsten eingeleitet und dann schließlich in die Weimarer Republik geführt haben, sind als Novemberrevolution in die deutsche Geschichte eingegangen.
Wir hatten hierüber ausführlich in unserem Artikel „Der Kaiser ist weg  - Novemberrevolution vor 100 Jahren“ berichtet
In Absprache mit der Obersten Heeresleitung (OHL) stellte die Reichsregierung zu Beginn der Novemberrevolution 1918 aus ehemaligen Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs etwa 120 Freikorps auf, die insgesamt 400.000 Mitglieder hatten. Diese waren aber durchaus nicht demokratisch gesinnt, sondern hatten allem antirevolutionäre und antidemokratische Ansichten. Sie waren maßgeblich verantwortlich für Gewalttaten gegen Arbeitnehmer*innen, die zumeist friedlich für die Revolution und einen demokratischen Staat eintraten.

Die OHL kolportiert eine Verschwörungstheorie

Schnell zeigte sich in dieser Zeit, dass die OHL es mit der Demokratie auch gar nicht ernst gemeint hatte. Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg, der Chef der OHL und spätere Reichspräsident, kolportierten eine Verschwörungstheorie: das deutsche Heer wäre gar nicht von „äußeren Feinden“ besiegt worden. Vielmehr seien Juden und Bolschewisten dem Heer kurz vor dessen Sieg heimtückisch in den Rücken gefallen und hätte es „von hinten erdolcht“.
Die sogenannte „Dolchstoßlegende“ war geboren. Diese hätte man schnell als offenkundigen Unsinn abtun können. Schließlich war es die OHL, die gegen alle Vernunft bis zum Schluss an Kriegsziele festhielt, die nicht nur unmenschlich und völkerrechtswidrig, sondern völlig aussichtlos waren. Sie war es auch, die mit dieser Politik der „Heimatfront“ Hunger und Krankheit brachte und die jede demokratische Regung im Keim erstickte. Und letztlich hatte die OHL auch -die sichere Niederlage vor Augen- der Regierung Waffenstillstandsverhandlungen verordnet und gleichsam befohlen, demokratisch zu werden.

Die Dolchstoßlegende kommt bei den Rechten gut an

Leider fiel die Legende auf fruchtbaren Boden. Rechte Parteien und Gruppierungen nutzten sie, um von Anfang an gegen die erste deutsche Demokratie Front zu machen. Und dazu gehörten auch und insbesondere die Mitglieder der Freikorps, die ja angeblich zum Schutz der Republik aufgestellt worden waren.
Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Er regelte unter anderem, dass die Reichswehr auf 100.000 Mann reduziert werden sollte. Die Freikorps waren damit illegal. Die Reichsregierung zögerte indessen zunächst, sie aufzulösen, weil sie sie immer noch für die „Herstellung von Ruhe und Ordnung“ einsetzen wollte. Was die Freikorps darunter verstanden, zeigten sie etwa am 13. Januar 1920, als sie eine Demonstration gegen das Betriebsrätegesetz in Blut ertränkten.
Vergleiche hierzu unseren Artikel „100 Jahre Betriebsrätegesetz“

Das Militär widersetzt sich den Anordnungen der Regierung

Unter Druck der Siegermächte wollte die Reichsregierung im Februar 1920 zunächst zwei Freikorps auflösen, darunter die besonders brutale „Brigade Erhard“, die unter anderem für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verantwortlich war.  Benannt war die Brigade nach ihrem Anführer, dem Marineoffizier Hermann Erhard, ein bekennender Antisemit und Anstifter zum Mord.
Ein General der Reichswehr, Walther von Lüttwitz, widersetzte sich den Anordnungen der Regierung. Er forderte Reichspräsident Friedrich Ebert auf, den Auflösungsbefehl unverzüglich zurückzunehmen. Als dieser sich weigerte, ließ Lüttwitz das Berliner Regierungsviertel von der „Brigade Erhard“ besetzen und ernannte einen ehemaligen Landschaftsdirektor, Wolfgang Kapp, zum Reichskanzler.
Kapp sollte eine Regierung der „nationalen Einheit“ bilden, der unter anderem Ludendorff und der Mörder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Waldemar Pabst, sowie Lüttwitz als militärischer Befehlshaber und Reichswehrminister angehören sollten. Die Putschisten ließen zwar sofort verbreiten, ihr Eingreifen würde sich nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung richten. Die Absichten waren aber klar: die Führer des Putsches waren allesamt erzkonservative Reaktionäre, Mitglieder eines Kreises, der sich „Nationale Vereinigung“ nannte.
Seine Ziele hatte dieser politische Kreis bereits lange vor dem Putsch postuliert: die Regierung, die sie als „Novemberverbrecher“ bezeichnete, sollte unverzüglich abgesetzt werden, der Reichstag aufgelöst und neu gewählt werden. Vor allem ging es aber darum, die Ergebnisse der Novemberrevolution und der Niederlage im Weltkrieg zu beseitigen. Es war ein Putsch gegen die Demokratie, gegen die rechtliche Gleichheit aller Menschen und gegen die Rechte von Arbeitnehmer*innen, Ihre Interessen gegenüber Arbeitgebern mit Hilfe von freien Gewerkschaften wirksam zu vertreten.

Das entschlossene Handeln gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer*innen rettet vorerst die Demokratie

Die Reichswehr weigerte sich, gegen die Putschisten einzuschreiten. Der Chef des Truppenamtes der Reichswehr, General von Seeckt, soll in diesem Zusammenhang geäußert haben: „Truppe schießt nicht auf Truppe“. Die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung und Reichspräsident Friedrich Ebert flohen aus Berlin. Die erste deutsche Demokratie schien schon am Ende zu sein.
Gerettet hat sie schließlich das einheitliche Handeln der organisierten Arbeitnehmer*innen. Am 13. März 1920 riefen Siegfried Aufhäuser, der Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände" (AfA), und der Vorsitzende des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB), Carl Legien, gemeinsam zum Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch auf. Auch die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregierung hatten ursprünglich zum Generalstreik aufgerufen, distanzierten sich jedoch später davon.
Und die Arbeitnehmer*innen zeigten sich entschlossen und diszipliniert. Die gesamte Infrastruktur legten die Streikenden lahm, alle Räder standen buchstäblich still.  Der gesamte Eisenbahnverkehr fiel aus, in den Städten fuhren keine Straßenbahnen und Busse mehr. Alle Fabriken und alle Behörden waren geschlossen. Die Post stellte keine Briefe mehr zu. Es gab keine Telefonvermittlung mehr, es erschienen keine Zeitungen. In vielen Städten gab es weder Wasser, Gas noch elektrisches Licht. Den Putschisten war nicht möglich, das Land zu regieren. Entschlossenes Handeln der organisierten Arbeitnehmer*innen hatte vorerst die Demokratie gerettet.

Die freien Gewerkschaften wollten mehr

Die Putschisten gaben am 13. März 1920 aber keineswegs völlig auf. Zwar floh Kapp wenige Tage nach dem Zusammenbruch des Putsches nach Schweden. Lüttwitz erklärte sich nunmehr zum Militärdiktator und ging mithilfe der „Brigade Erhard“ brutal gegen die Streikenden vor. Letztlich fand er aber dafür selbst im Militär keinen Rückhalt und erklärte schließlich seinen „Rücktritt“, nachdem ihm die legale Reichsregierung Straffreiheit zugesagt hatte.
Die Solidarität aller demokratischen Kräfte reichte zwar aus, dem Putsch Einhalt zu gebieten. Die freien Gewerkschaften hatten aber weitergehende Forderungen. In einem Aufruf vom 18.März 1920 forderten sie die „gründliche Reinigung der gesamten öffentlichen Verwaltungen und Betriebsverwaltungen von allen reaktionären Persönlichkeiten“ und eine „Neuregelung der wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetzgebung”.
Auch schlugen sie eine Regierung unter dem ADGB-Vorsitzenden Carl Legien vor. Das ging aber insbesondere den christlichen Gewerkschaften zu weit. Auch waren die Arbeiterparteien dann doch zu sehr zerstritten, als dass sie sich auf ein gemeinsames politisches Programm hätten verständigen können. Der Generalstreik wurde am 22. März 1920 für beendet erklärt.

An der Ruhr stehen die organisierten Arbeitnehmer*innen auf

Parallel zu zur Streikbewegung fanden insbesondere in Thüringen, Sachsen und dem Ruhrgebiet bewaffnete Aufstände von Arbeiter*innen gegen die Putschisten statt. Nach Ende des reichsweiten Generalstreiks traten 75% der Bergleute des Reviers in den Streik. Bis Ende März eroberte eine „Rote Ruhrarmee“ das gesamte Ruhrgebiet. In größeren Städten bildeten sich Arbeiterräte, die die politische Macht übernahmen.
Auf Befehl der Reichsregierung wurden die Aufstände schließlich von Reichswehreinheiten und Freikorps, darunter wiederum die „Brigade Erhard“, blutig niedergeschlagen. Ausgerechnet von denjenigen reaktionären Kräften, die zuvor den Putsch gegen die Reichsregierung unterstützt hatten.
Die meisten Putschisten blieben indessen unbehelligt. Viele zogen sich in die „Ordnungszelle Bayern“ zurück, wo sich schon viele rechte Reaktionäre tummelten und aktiv am Untergang der Republik arbeiteten. Freikorpsführer Hermann Ehrhardt bildete in München aus seiner Brigade und anderen Reaktionären die „Organisation Consul“. Das war eine militärisch organisierte, antisemitische und reaktionäre terroristische Vereinigung, die für viele Morde in der Weimarer Republik verantwortlich war. Unter den Opfern waren etwa der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und Außenminister Walther Rathenau.

Einen politischen Machtanspruch konnten die Gewerkschaften nicht umsetzen

Die Gewerkschaften hatten aber gezeigt, dass sie eine starke politische Kraft sind. Leider waren sie aber nicht stark genug, diese auch in einen politischen Machtanspruch umzusetzen. Zwar gab die Reichsregierung den Gewerkschaften das Versprechen, sie an der Bildung der nächsten Regierung und an einem Sozialisierungsprogramm zu beteiligen. Als aber im März eine neue Regierung unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller gebildet wurde, war davon nicht mehr die Rede. Es wäre ohnehin auch nur Makulatur gewesen.
Die Reichsregierung unter Hermann Müller beugte sich nämlich den Forderungen der Rechten, zeitnah den Reichstag neu wählen zu lassen. Bei der Wahl im Juni 1920 verlor die MSPD beinahe die Hälfte ihrer Wähler an die USPD. Eine Quittung dafür, wie sie mit den Arbeiter*innen im „Ruhraufstand“ umgegangen ist. Die bisherige „Weimarer Koalition“ aus MSPD, Zentrum und Deutscher Volkspartei (DVP) hatte keine Mehrheit mehr und es kam zur ersten Regierung in der Weimarer Republik ohne Beteiligung von Sozialdemokraten.
 
Quellen und zur Vertiefung:
 „13. März 1920: Generalstreik gegen den Kapp-Putsch“ auf der Homepage der Gewerkschaft Ver.di
„Generalstreik für die Demokratie“ auf Gewerkschaftsgeschichte.de
„Kapp-Lüttwitz-Putsch und Märzrevolution 1920“ auf der Homepage vom RuhrEcho Verlag
Aufruf der Gewerkschaften zum Generalstreik

Dietmar Christians, Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur, DGB Rechtsschutz GmbH,Hauptverwaltung - Frankfurt am Main
Autor*in:
Dietmar Christians
Online-Redakteur (ehemals Rechtsschutzsekretär)
Onlineredaktion - Hauptverwaltung - Frankfurt am Main